Bund der Steuerzahler NRW - Bocholt hat einen Traum

Verschwendung > Aktuelle Fälle
08.10.2015

Bocholt hat einen Traum

Die Stadt plant ein neues Stadtquartier, doch das Projekt ist umstritten.


(Foto: BdSt NRW)
Eine Industriebrache mausert sich zu einem lebendigen Wohn- und Kulturquartier, bringt Urbanität in eine Stadt auf dem Land und erfüllt die neuen Wünsche, die durch den Demografiewandel entstehen: Das ist das Ziel von Kubaai (Kulturquartier Bocholter Aa und Industriestraße), einem Projekt der Regionale 2016 in Bocholt. Doch neben den befürwortenden Stimmen werden auch kritische laut.

Bocholt. Zwischen dem Aasee und der Bocholter Innenstadt liegt nördlich und südlich des Flüsschens Aa, eine Industriebrache. An die Textilindustrie, die hier früher boomte, erinnern noch die weitgehend ungenutzten Shedhallen mit ihren typischen schrägen Dächern, das Webereimuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und in einigen Jahren noch das Spinnereimuseum, das schräg gegenüber der Weberei im „Textilwerk“ im Aufbau ist. Für die Stadt Bocholt ist seit Jahren klar, dass sie dieses Gebiet städtebaulich entwickeln muss.

Der Doppelstandort des LWL-Museums war Auslöser für die Überlegung, mehr Kultur an die Aa zu holen. Musikschule und VHS, Stadtarchiv und Kulturbüro sollen in ein ehemaliges Firmengebäude einziehen. Dieses „LernWerk“ soll zusätzlich der freien Kulturszene Räume bieten. VHS und Musikschule befinden sich derzeit in alten Fabrikantenvillen. Wegen des Denkmalschutzes ist die nötige Sanierung extrem teuer. Stadtbaurat Udo Paßlick spricht von „Millionenhöhe“. Das LernWerk einzurichten soll 15,5 Millionen Euro kosten, inklusive Förderung durch die Regionale 2016, diese Summe ist laut Stadtbaurat Paßlick gedeckelt.

Der zweite Schwerpunkt von Kubaai ist das Wohnen. Bocholt habe zum einen in den vergangenen Jahren zu wenig Wohnraum geschaffen. Zum anderen sei die Stadt für Fachkräfte, gerade solche, die in Großstädten oder im Ausland gearbeitet haben, als Wohnort oft nicht interessant, weil nicht „urban“ genug. Zudem macht sich der demografische Wandel bemerkbar. Eine ganze Generation von Grundstückseigentümern sitzt in Häusern, die nach dem Auszug der Kinder zu groß geworden sind. Dabei sei zu beachten, so der Stadtbaurat, dass die Bevölkerung zwar älter werde, aber nicht schrumpfe. Kubaai soll all dem Rechnung tragen. Rund 350 Wohneinheiten sollen entstehen, Einfamilienhäuser, Stadthäuser und Stadtwohnungen, bezahlbarer, auch öffentlich geförderter Wohnraum, der alle Generationen anspreche.

Für das gesamte Projekt rechnet die Stadt mit einem Entwicklungszeitraum von zehn bis 15 Jahren. Geschätzte Kosten: 14 Millionen Euro für Grundstückserwerb, Abriss und Entsorgung und 27 Millionen Euro für Planung und Bau. Die Stadt will nicht selber bauen, sondern die Grundstücke an Investoren verkaufen. 12,7 Millionen Euro will die Stadt Bocholt aus dem Haushalt finanzieren, die Fremdfinanzierung (Fördermittel, Erlöse aus den Grundstücksverkäufen) soll sich auf 28,8 Millionen Euro belaufen. Für die Baufelderschließung rechnet die Stadt mit 9 Millionen Euro, für den Hochbau mit 105 Millionen Euro, wobei diese beiden Positionen private Investitionen sein sollen. Die Beteiligung der Stadt sei gedeckelt, wenn an einer Stelle Mehrkosten entstehen, müsse die Stadt an anderer Stelle im Projekt sparen, erklärt Paßlick.

Einige der alten Gebäude sollen erhalten bleiben. Die beiden Museumsstandorte werden über eine Brücke und Grünanlagen miteinander verbunden. Eine ehemalige Eisenbahnbrücke wird zu einem Radweg umgewandelt. Eine dritte Brücke soll das nördlich der Aa gelegene künftige Wohnquartier direkt über das südlich gelegene Quartier an den Bahnhof anbinden. Eine Unterführung soll eine bessere Querung des Theodor-Heuss-Rings für Fußgänger und Radfahrer ermöglichen und Kubaai an die Innenstadt anschließen. Teile der Aa sollen „ökologisch aufgewertet“ werden, Spundwände entfernt und Flachwasserzonen angelegt werden. Am nördlichen Ufer der Aa soll eine Freitreppe am Ufer entstehen.

Die Stadt erfährt Zuspruch für die Pläne, aber auch Kritik. Besonders umstritten ist der Kauf eines Firmengrundstücks, für das die Stadt sechs Millionen Euro gezahlt hat. Der Vorwurf: Damit habe sie die Firma „bezahlt“, damit sie in Bocholt bleibt. Der Preis sei zudem überteuert, weil das Grundstück mit Schadstoffen belastet sei. Die Stadt erklärt, dass Gutachten aus den Jahren 2004/2005 aktuell für die wasserrechtliche Genehmigung aufbereitet worden seien und feststellen, dass das Grundstück nach dem Krieg vornehmlich mit Trümmern aufgefüllt wurde, die zu 90 bis 95 Prozent wiederverwertbar seien, z.B. im Straßenbau.

Für den Bund der Steuerzahler NRW ist Kubaai ein gutes Beispiel, wie Förderprogramme wie die Regionale 2016 in einer Stadt Impulse setzen können – und wie wichtig es ist, dem Lockruf des Geldes Augenmaß entgegenzusetzen: Bleiben die Kosten im Rahmen? Wenn nein, wo werden Abstriche gemacht? Finden sich Investoren, kaufen sie die Grundstücke zu angemessenen Preisen? Reichen die Risikopuffer für die Sanierung der ehemals industriell genutzten Gebäude? Fragen, die erst die Zukunft beantworten wird, die die Stadt gleichwohl nicht aus den Augen verlieren darf.
Suche
Staatsverschuldung in NRW
0
Zuwachs / Sekunde
0
Schulden / Kopf
0