Bund der Steuerzahler NRW - Warum Wassersparen teuer sein kann

Gebühren > Abwasser
28.10.2015

Warum Wassersparen teuer sein kann

RWW antwortet mit „Systempreis“ auf geänderte Wasserpreisstruktur.


(Foto: fkgeneral, Fotolia)
Gebühren- und Preissteigerungen bei Trinkwasser und Abwasser werden immer öfter mit „Demografischem Wandel“ und „Wassersparen“ begründet. Dieser Beitrag beschreibt die Zusammenhänge und stellt mit dem „Systempreis“ eine mittlerweile bewährte Lösung für eine geänderte Wasserpreisstruktur dar. Ein Gastbeitrag von Siegfried Gendries, Leiter Marketing und Kommunikation bei der RWW, Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft mbH (Mülheim an der Ruhr).

Die Anlagen der Wasserversorger waren auf eine deutlich höhere Nachfrage und ein anhaltend hohes Qualitäts- und Sicherheitsniveau ausgerichtet. Planungsgrundlage waren unternehmerische Einschätzungen und wissenschaftliche Prognosen. Das Forschungsinstitut Battelle 1972 sagte einen Anstieg des Trinkwasserverbrauchs der Bundesbürger von täglich 117 Litern aus 1969 auf 204 Liter im Jahr 2000 voraus. Der nach der Wende stattdessen eingetretene Nachfragerückgang in Folge der regionalen Bevölkerungsschrumpfung und das anhaltende Wassersparen ergaben einen Verbrauch von 122 Liter täglich; das hat die Versorger mit ihren großen Leitungsnetzen kalt erwischt. Dazu kamen in vielen Regionen Strukturwandel und Rückzug der wasserintensiven Industrie. Damit sank die Auslastung der Anlagen, die auf bis zu 100 Jahre ausgelegt und damit über eine Dekade abgeschrieben werden sollten, und sinkt weiter.


Siegfried Gendries, Leiter Marketing und Kommunikation bei der RWW (Mülheim an der Ruhr), und Herausgeber des Verbraucherinformationsportals www.lebensraumwasser.com
Mit den Trinkwasserabsatzzahlen sanken auch die Umsatzerlöse. Da in den 80er Jahren die Ressourcendiskussion einsetzte, versprach man sich von hohen Verbrauchspreisen bei Trinkwasser ein verstärktes Wassersparen. Mit Erfolg! Leider war dies ein Pyrrhussieg. Denn während die Preise mit durchschnittlich 80 Prozent eine hohe Verbrauchsabhängigkeit besaßen, war (und ist) es bei den Kosten umgekehrt. Wasserversorgung und andere Infrastrukturen verursachen hohe Fixkosten (für die Anlagen). Das Dilemma: Diese Fixkosten können nicht in dem Maße gesenkt werden, wie die Nachfrage bzw. Umsatzerlöse schrumpfen. Damit droht Wasserversorgern, was sie eigentlich vermeiden wollen: weniger Instandhaltung und geringere Investitionen oder steigende Wasserpreise. Das Niveau der technischen Infrastruktur in Deutschland scheint bedroht.

Wenn die Wassernachfrage so gering bleibt oder noch weiter sinkt und sich die fixen Kosten nicht im gleichen Maß senken lassen, lassen sich Preissteigerungen nur vermeiden, indem man die fixen Preisbestandteile erhöht. Damit werden die Erlöse robuster gegen Bevölkerungs- und Nachfragerückgänge. Genau das hat nach vierjähriger Vorbereitungszeit unter Einbeziehung von vielen Experten die RWW vorgemacht. Gemeinsam mit dem Beratungsinstitut MOcons hat sie das „Systempreismodell“ für Trink- und Abwasser entwickelt. Seit 1. Januar 2012 wird in der 825.000 Einwohner umfassenden Versorgungsregion in Teilen des Ruhrgebiets und Münsterlands der Systempreis gezahlt. Dieser fixe Entgeltbestandteil liegt jetzt bei 50 statt vorher 20 Prozent. Damit die Gesamtheit aller Kunden nicht mehr bezahlen muss als vorher, wurde gleichzeitig der mengenabhängige Preis von 80 auf 50 Prozent gesenkt. Um die Be- und Entlastungen der einzelnen Kundengruppen möglichst gering zu halten, wurde eine Reihe weiterer Neuerungen eingeführt: So ersetzt die „Anzahl der Wohneinheiten“ als Maßstab für den Grundpreis die „Größe des Wasserzählers“. Ein schrittweise degressiver Verlauf der Wohngebäude-Tarife sorgt für mehr Ausgewogenheit und Verursachungsgerechtigkeit. Je größer das Gebäude, desto weniger ist für eine Wohneinheit zu zahlen. Damit unterscheidet sich dieses Modell von anderen Wohneinheitenmodellen, bei denen für ein Zehnfamilienhaus zehnmal so viel gezahlt werden muss wie für ein Einfamilienhaus. Gerade dafür erhält das Modell viel Anerkennung – auch von Kartellbehörden.

Kerngedanke des Systempreismodells ist die Vorhalteleistung für das Versorgungssystem. Jeder angeschlossene Nutzer soll gemäß der für ihn vorgehaltenen Leistung auch zur Kostendeckung beitragen, nicht nur Haushalts-, sondern auch Gewerbekunden. Dabei wendet das Modell mit „Wohneinheiten“ einen Maßstab an, der die Vorhalteleistung auch für jene angeschlossenen Nutzer berücksichtigt, die kein Wasser abnehmen. Das betrifft auch Leerstände, denn sonst zahlen alle anderen Kunden dafür. Schließlich resultieren Fixkosten eben aus dieser technischen Vorhaltung – übrigens auch bei Abwasser. Es ist gerade diese Logik, die der Akzeptanz neuer Entgeltmodelle den Weg bereitet. Der Bundesgerichtshof hat mit Urteil vom 23. Juni zu Wohneinheiten bei Trinkwassergebühren in Sachsen genau diesen Schritt im Nachhinein bestätigt.

Eine Preisumstellung ist ein für viele Versorger sehr bedeutender Schritt. Überaus wichtig ist dabei Transparenz. Nicht nur wegen ihrer kommunalen Gesellschafter sah sich RWW dieser ganz besonders verpflichtet. Daher wurden Politiker und Kunden frühzeitig einbezogen und über die geplante Umstellung informiert. Sie wurden mit ihrer Notwendigkeit vertraut gemacht und laufend informiert. Zudem wurde die gesamte Unternehmenskommunikation auf die Systemvorhalteleistung und den Systempreis ausgerichtet. Das hat eine Diskussion angestoßen, die immer mehr an Aktualität gewinnt. Denn auch andere Versorgungssparten erbringen Vorhalteleistungen, die noch nicht adäquat in den Entgelten abgebildet werden. Über 20 Tarifgebiete haben mit Unterstützung von RWW und Professor Oelmann von MOcons bereits das Systempreismodell erfolgreich eingeführt bzw. stehen unmittelbar davor. Dabei geht es nicht nur mehr um Trinkwasser. Projekte bei Fernwärme, Abwasser und Abfall folgen derselben Logik. Auch diese technischen Infrastrukturen basieren auf Vorhalteleistungen, ähnlicher Kostenstruktur und gleicher Diskrepanz zwischen Kosten- und Entgeltstruktur. Angesichts des Nachfragerückgangs und des demografischen Wandels drohen ansonsten auch dort Preis- und Gebührenspiralen. Abhilfe kann eine Änderung der Entgeltstruktur schaffen, wie sie das Systempreismodell bietet. Akzeptanz wird es aber nur geben, wenn die Kommunikation offen und proaktiv geführt wird.

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